Treffpunkt leben

Thema: Erinnern

Ballprobe und Murmelspiel

Kinderspiele vor 50 Jahren: Wer hat noch das Gerassel von Rollschuhen auf holprigem Pflaster im Ohr, wer bewahrt noch eine Glasmurmel von damals auf? "Ene, mene mu, und raus bist du!"

Hat sich unser Alltag jemals so schnell gewandelt wie in den letzten 50 oder 60 Jahren? Was in unserer Kindheit selbstverständlich war, klingt für heutige Kinder wie Märchen aus einer fernen Zeit. Kein Computer? Kein Fernsehen? Das können sich selbst Jugendliche heute gar nicht vorstellen. Um Ausbildungs- und Arbeitsplätze brauchte sich niemand Sorgen zu machen, dafür gab es noch keine Fünf-Tage-Woche und auch nicht so viel Urlaub wie heute. Wie war das denn damals, werde ich öfter gefragt, denn das Interesse an Erzählungen aus dieser seltsamen Vergangenheit ist groß, wenn es einmal geweckt wurde. „Habt ihr eigentlich damals auch gespielt, wenn es doch gar keine Computerspiele gab und kein Nintendo und keine Freizeitparks?“ Und ob wir gespielt haben! Jeden Nachmittag nach der Schule, denn die war mittags zu Ende, und Hausaufgaben waren schnell gemacht. Im Spätsommer und Herbst ließen die Jungen Drachen steigen, die sie selbst gebastelt hatten: fünf Holzlatten, Leim, Transparentpapier und eine Rolle Bindfaden reichten schon aus. Wir Mädchen spielten „Ballprobe“: Drei oder vier Mitspielerinnen, ein Gummiball und eine glatte Hauswand, gegen die der Ball mit Händen, Kopf, Knie und Brust geprellt werden musste, und das möglichst viele Male hintereinander. Wer den Ball fallen ließ , war „ab“ und musste ausscheiden. „Kitscheln“, Murmel spielen, gehörte zum Frühjahr wie der Kampf um die ersten kurzen Strümpfe. In den Hosentaschen der Jungen und in kleinen Stoffbeuteln, die Mütter für ihre Töchter genäht hatten, klimperten die Murmeln: Kügelchen aus bunt lasiertem Ton, und Glaskugeln, bunt geädert oder milchweiß und rosenrot marmoriert. Eine kleine Grube, mit dem Absatz in den Erdboden gebohrt, und los ging es. Wer zielt die meisten Treffer in s Loch, wer schafft es, mit gekrümmtem Zeigefinger die letzte, entscheidende Kugel hineinzubefördern und das ganze Nest einzuheimsen? Plätze zum Spielen gab es genug in der kleinen, vom Krieg verschonten Stadt, in der ich aufwuchs, und Spielgefährten auch. Die Nachbarskinder der ganzen Straße trafen sich, und dazu kamen die Flüchtlingskinder, die es in unsere Stadt verschlagen hatte. Wir kannten alle die gleichen Spiele, und schon unsere Mütter und Großmütter, Väter und Onkel hatten sie als Kind gespielt. Dass es einmal Kinder geben würde, die sich nicht wie wir mit Murmeln und Kreisel, Ball und Roller, Springseil und Rollschuhen in den Straßen tummeln würden, hätten wir uns gewiss nicht vorstellen können. Ziemlich unbesorgt ließen unsere Mütter uns damals zum Spielen vors Haus. Autos gab es wenige, und wir waren ja immer eine ganze Horde von Kindern, die aufeinander aufpassten. Wir trieben bunte Kreisel mit bindfadenbewehrten Peitschen über den Asphalt, fuhren Roller und Rollschuh – wer hat noch das Gerassel der Metallräder auf holprigem Pflaster im Ohr? Wer kennt noch die Kreis- und Gruppenspiele: „Der Kaiser schickt seine Soldaten aus“, „Der Plumpsack geht um“, wer die Abzählverse? „Ene mene mu, raus bist du!“ Kinderspiele und Alltagsleben, Arbeitsbedingungen und .Gebräuche, Sommerfrische und Wintervergnügen – wer weiß noch davon zu erzählen? Ich wünsche mir, dass möglichst viele hierbei mitmachen!