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Thema: Gemeinschaftliche Wohnformen

Lebensräume


Chris
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Der Verfasser des Beitrags wohnt mit seiner Frau seit drei Jahren in einer Wohnanlage "Lebensräume für Jung und Alt" der Stiftung Liebenau und beschreibt das Konzept dieses Projekts. Er zeigt, dass das Vorhandensein von entsprechenden Räumlichkeiten nicht unbedingt zur Bildung von Gemeinschaft führen muss, sondern dass sich die Bewohner anregen lassen müssen von ihrem Wunsch nach Kennenlernen. Dabei kann die Moderation durch einen Gemeinwesenarbeiter hilfreich sein.


Lebensräume

Die Wohnform, die meine Frau und ich nach langem Suchen gefunden haben, nennt sich "Lebensräume für Jung und Alt". Einen Teil der Anlage, die aus vier Häusern besteht, zeigt das beigefügte erste Bild. Die "Lebensräume" sind ein guter Kompromiss zwischen unseren Wünschen und unseren Möglichkeiten.

Ihr Konzept beruht auf einer Mischung der Generationen, auf Nachbarschaftshilfe und auf vorsichtiger, professioneller Moderation. In der Fachsprache, wie sie etwa in einer großen Studie der Bertelsmann-Stiftung verwendet wird, fällt das Konzept unter den Begriff "Integriertes Wohnen".

Die Wohnanlage umfasst rund 30 Wohneinheiten sowie ein Gemeinschaftszentrum und wird von einem Gemeinwesenarbeiter, der eine 50%-Stelle hat, moderiert. Die entstehenden Kosten werden aus einem Sozialfonds bestritten, der durch Einlagen der Stadt, der Baugesellschaft, der Stiftung Liebenau und durch private Spenden gespeist wurde. Der Gemeinwesenarbeiter (bei uns ist es seit 01.03.2009 ein junger Mann) hat die Aufgabe, die Gemeinschaft innerhalb der Wohnanlage zu fördern und zu moderieren, aber auch die "Lebensräume" mit dem örtlichen Stadtteil zu vernetzen.

Ein großer Teil der rund 30 Wohnungen (etwa zwei Drittel) ist während der Planungs- und Bauphase ziemlich schnell an Eigentümer verkauft worden, vor allem an Ältere. Die restlichen Wohnungen wurden vermietet. Das Belegungsrecht für diese Mietwohnungen hat die Stiftung Liebenau. Auf diese Weise ist es möglich, den Altersdurchschnitt zu steuern, der zur Zeit bei etwa 45 Jahren liegt und damit genau dem Konzept entspricht.

Bevor ich mich mit dem Thema Gemeinschaft befasse, würde ich gern noch darauf hinweisen, dass ein verhältnismäßig großer Teil der Wohnungskäufer, vor allem solche aus der frühesten Phase, die Wohnungen wegen der in Aussicht gestellten Gemeinschaftlichkeit gekauft hat. Einige kauften, um erst in späterem Alter selbst einziehen zu können, oder auch nur um eine behindertengerechte Wohnung zu bekommen. Beim Kauf wurde jedoch praktisch kein Einfluss auf die Auswahl der Käufer genommen, insbesondere im Blick auf deren Orientierung an Gemeinschaftlichkeit.

Nun zum Thema Gemeinschaft. Als Kernbegriff für das Konzept der Lebensräume wird in der Presse immer die Nachbarschaftshilfe genannt. Darunter verstehen viele Sonntagsredner einerseits Omas und Opas, die den Kindern bei den Hausaufgaben helfen und andererseits Jüngere, die den Älteren das Einkaufen abnehmen. Ich glaube, dass man dieses Bild in der Wirklichkeit selten findet, und so ist es auch bei uns.

Auch kann man Gemeinschaft ja weder verordnen noch durch spektakuläre Feste und Veranstaltungen vorgaukeln, bei denen man ausschließlich auf fremde Hilfe angewiesen ist. Auch bei uns hat das auf Dauer nicht funktioniert. Allerdings gab es auch Ausnahmen: Unsere Rollstuhlfahrer organisierten einen "Rollstuhl-Parcours", der den Nichtbehinderten die täglichen praktischen Schwierigkeiten der Rollstuhlfahrer durch eigene Erfahrung nahebringen sollte. Dies sehen Sie im zweiten Bild.

Seit Juli 2008 glauben wir, mit viel Glück einen eigenen Weg gefunden zu haben. Verschiedene Ereignisse, so bedrückend sie zum Teil im Einzelnen auch waren, sind uns dabei zu Hilfe gekommen. Wir merkten, dass bei uns selbst viele verborgene Talente existieren, die nur geweckt werden müssen. Zwei unerwartete Todesfälle haben uns gezeigt, wo wir als Einzelne gefragt und gefordert waren. Wir haben erst Krankenbesuche gemacht, später getröstet, organisiert, Briefe geschrieben, eine Wohnung ausgeräumt. Wir haben auch kennengelernt, was es bedeutet, eine große professionelle Organisation zum Partner zu haben: Nachdem unsere erste Gemeinwesenarbeiterin, die aus der Jugendarbeit kam, einen Mutterschaftsurlaub angetreten hatte, lernten wir eine Vertretung kennen, die ihr Geschäft der Erwachsenenbildung sehr gut verstand. Wir Bewohner haben in diesen Monaten erfahren, dass die vielen kleinen Veranstaltungen im Gemeinschaftsraum, gestaltet von Einzelnen oder kleinen Gruppen, nicht nur einen kurzlebigen Selbstzweck haben. Sie zielen vor allem auch darauf ab, uns für einander etwas mehr zu öffnen und auf diese Weise näher zu kommen. Das ging dann so weit, dass wir zur anstehenden zweiten Wahl des Bewohnerbeirats mehr als doppelt so viele Bewerbungen hatten wie vorher Mitglieder, alles Menschen, die "mitmachen" wollten. Das ist heute der "harte Kern". Rund die Hälfte der Bewohner hat kein Interesse an oder keine Zeit für Gemeinschaft, aber das empfinden wir nicht als außergewöhnlich.

Was wir alles schon getan haben beziehungsweise was wir in diesem Jahr weiterführen möchten, zeigt unser Terminplan, den Sie auf dem beigefügten dritten Bild sehen. Zwischen den Zeilen steht vieles, das ich Ihnen jetzt nicht darlegen kann.


(eingestellt am: 19.07.2009)

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