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Thema: ALPHABET der Werte

Krisen-Dichtung


lila
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Krisen machen erfinderisch oder "poetisch" zu allen Zeiten. Kurt Tucholsky hat im Jahre 1930 der unten stehende Gedicht geschrieben, das HEUTE genauso aktuell ist wie zu den Lebzeiten von Tucholsky.


Wenn die Börsenkurse fallen,
regt sich Kummer fast bei allen,
aber manche blühen auf:
Ihr Rezept heißt Leerverkauf.

Keck verhökern diese Knaben
Dinge, die sie gar nicht haben,
treten selbst den Absturz los,
den sie brauchen - echt famos!

Leichter noch bei solchen Taten
tun sie sich mit Derivaten:
Wenn Papier den Wert frisiert,
wird die Wirkung potenziert.

Wenn in Folge Banken krachen,
haben Sparer nichts zu lachen,
und die Hypothek aufs Haus
heißt, Bewohner müssen raus.

Trifft's hingegen große Banken,
kommt die ganze Welt ins Wanken -
auch die Spekulantenbrut
zittert jetzt um Hab und Gut!

Soll man das System gefährden?
Da muss eingeschritten werden:
Der Gewinn, der bleibt privat,
die Verluste kauft der Staat.

Dazu braucht der Staat Kredite,
und das bringt erneut Profite,
hat man doch in jenem Land
die Regierung in der Hand.

Für die Zechen dieser Frechen
hat der Kleine Mann zu blechen
und - das ist das Feine ja -
nicht nur in Amerika!

Und wenn Kurse wieder steigen,
fängt von vorne an der Reigen -
ist halt Umverteilung pur,
stets in eine Richtung nur.

Aber sollten sich die Massen
das mal nimmer bieten lassen,
ist der Ausweg längst bedacht:
Dann wird bisschen Krieg gemacht.

(Kurt Tucholsky, 1930, veröffentlicht in "Die Weltbühne")
(eingestellt am: 16.05.2009)

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12 Kommentare zum Beitrag

pianist
17.05.2009 (19:40 Uhr) An einem Abzweig

Vergangene Tage tadeln
die Blüte des Augenblicks
All die Nächte, die Frühlinge stolz machen
rollen mit dem Gestein dahin
Sie zerschlagen alles Glas im Traum

Warum nur weile ich hier?
Briefe aus der Lebensmitte verbreiten
eine weite Wehmut
Schuhe, die nie einen Zweifel kannten,
wechseln
Strümpfe oder ihre List

Ohne jeden Plan schweife ich
bei irgendeinem Konferenzbericht
noch weiter in die Ferne
Ich folge einer Partikel und biege ab
Gemeinsam mit armen Seelen
heiße ich an einem Abzweig
das Abendlicht willkommen

Bei Dao: Das Buch der Niederlage
Gedichte, herausgegeben und übersetzt aus dem Chinesischen von Wolfgang Kubin
Hanser Verlag, München 2009
aus: DIE ZEIT Nr. 21, 14. Mai 2009

Ich stelle dieses Gedicht einfach einmal hier in den Raum und vielleicht regt es den einen oder anderen an, darüber nachzudenken und uns seinen "Krisen"-kommentar dazu zu hinterlassen.


erdbeere
17.05.2009 (09:16 Uhr) Richard von Weizsäcker

Irgendwie erinnere ich mich, dass Richard von Weizsäcker einmal sagte: "Wir sollten von den Chinesen lernen - die haben das gleiche Schriftzeichen für Krise und Chance."

Spannend ist es sich mit einem Wort zu beschäftigen und es unter dem Aspekt eines anderen Kulturkreises zu betrachten. "Da hat schon mancher die Krise gekriegt, oder?"


erdbeere
17.05.2009 (09:11 Uhr) Spannend: Krise auf Chinesisch, oder doch nicht?

XiuCai Nr.36, S.63:
"Und das von China-Kennern in Seminaren und Gespraechen haeufig als Beleg fuer die schoene Bildhaftigkeit und Weisheit der chinesischen Zeichen bemuehte 危机 (wei1 ji1) Krise, das in der Kombination von 危 (wei1) Gefahr, mit 机 (ji1) Chance, so ueberzeugend zeige, wie Chinesen die Gefahr als Chance begreifen, ist gar nicht deren Schoepfung sondern eine aus der Not des auslaendischen Ansturms geborene Erfindung der Japaner!"
aus: xiucai.oai.de/XiuCai/XiuCaiNo36.pdf


Rose
16.05.2009 (23:10 Uhr) 危機 - Krise (Die zwei Charakter)

危機這個詞由兩個字組成:危險和機遇。通過對生活的觀察,中國古代的賢人認識到危機的真的性質是「機遇在等待出現」。這與西方人的觀念「當上帝關上一扇門的時候,他打開另一扇窗戶」相似。

沒有忍受危險的力量,我就看不見其中的機遇。正是在忍耐的過程中,機遇才自己顯露。機遇總存在於危險的處境之中,不過當我們處於極其危險的境地而灰心喪氣時,我們就會被自己的情感蒙住了雙眼。當我們能夠心平氣和地忍受的一切時,一種更好的選擇機會便會出現,並且顯露自己的本來面目。

Übersetzt lautet dies:
Krise in der Zusammensetzung des Wortes aus zwei Worten: Gefahr und Chance.
Die Weisen des "alten Chinas" erkennten durch die Beobachtung des Lebens Des Lebens die wahre Natur der Krise. und zwar ist dies: "Es wartet auf die sich ergebende Gelegenheit." Dies ist dem Konzept des Westens ähnlich: "Wenn Gott die Tür öffnet, dann er öffnet noch ein weiteres Fenster".

Die gefährliche Wirkung ist, dass man nicht die Möglichkeiten überblicken oder gar sehen kann. Es liegt im Prozess der Betroffenen, dass sie nur die Möglichkeiten aufzeigen, die ihre eigenen sind. Chancen gibt es in der Summe von gefährlichen Situationen, aber nur, wenn wir in einer sehr gefährlichen Situation nicht entmutigt werden und unsere Augen nicht emotional blind sind. Wenn wir die Ruhe bewahren und uns Zeit nehmen, dann können wir eine bessere Auswahl an Möglichkeiten mit deren Nuancen treffen.


sun
16.05.2009 (22:53 Uhr) Helmut Schmidt sagt dazu:

"In der Krise beweist sich der Charakter.“


lila
16.05.2009 (22:50 Uhr) Weichensteller

Im Grunde genommen sind die Krisen die Weichensteller unseres Lebens, die uns zur Neuorientierung zwingen.


isbaer
16.05.2009 (22:48 Uhr) Weiter gehts mit der Krise

In dem Augenblick aber, wo uns alles verloren scheint, erreicht uns zuweilen die Stimme, die uns retten kann; man hat an alle Pforten geklopft, die auf gar nichts führen, vor der einzigen aber, durch die man eintreten kann, und die man vergeblich hundert Jahre lang hätte suchen können, steht man, ohne es zu wissen, und sie tut sich auf.
Marcel Proust, Auf der Suche nach der verlorenen Zeit


pius
16.05.2009 (22:45 Uhr) Und wie sagt es Leo Tolstoi?

Wenn uns etwas aus dem gewohnten Geleise wirft, so denken wir, alles sei verloren. Aber dabei beginnt doch nur etwas Neues und Gutes.
Leo N. Tolstoi, Krieg und Frieden


dirn
16.05.2009 (22:42 Uhr) Wie sagt es Richard Nixon?

Die Chinesen verwenden zwei Pinselstriche, um das Wort "Krise" zu schreiben. Ein Pinselstrich steht für Gefahr; der andere für Gelegenheit. In einer Krise hüte dich vor der Gefahr - aber erkenne die Gelegenheit! (The Chinese use two brush strokes to write the word "crisis". One bruch stroke stands for danger; the other for opportunity. In a crises, beware of the danger - but recognize the opportunity!)

Richard Nixon, 1913 - 94
37. Präsiddent der USA


sun
16.05.2009 (22:34 Uhr) John F. Kennedy

Das Wort Krise setzt sich im Chinesischen aus 2 Schriftzeichen zusammen – das eine bedeutet Gefahr und das andere Gelegenheit.
John F. Kennedy, 29.05.1917 - 22.11.1963
35. Präsident der USA


pius
16.05.2009 (17:10 Uhr) Krise - Produktiver Zustand

Krise ist ein produktiver Zustand. Man muss ihr nur den Beigeschmack der Katastrophe nehmen.
Max Frisch


erdbeere
16.05.2009 (17:06 Uhr) Verwechslungen

Das Gedicht ist definitiv nicht von Tucholsky", sagt Friedhelm Greis, der für die Berliner Tucholsky-Gesellschaft arbeitet. [...]Ursprung der Legende sei wahrscheinlich eine Website, auf der eine tatsächlich 1930 in dem Magazin "Weltbühne" erschienene Kapitalismusschelte von Tucholsky steht - direkt unter den Versen, die ihm jetzt zu Unrecht zugeschrieben werden. Unter diesen wird als Autor das Pseudonym "Pannonicus" angegeben.
www.ftd.de/lifestyle/outofoff...it/432416html
Es ist schon spannend wie "Verwechselungen" in Szene gesetzt werden.


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Ann

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