Thema: Gemeinschaftliche Wohnformen
Jeder in seiner eigenen Wohnung, aber in einer Gemeinschaft wohnen, in der man aufeinander achtet, das wünschen sich immer mehr ältere Menschen. Eine Gruppe in Hildesheim hat sich diesen Wunsch mit einem Neubau in der Innenstadt erfüllt - mit viel eigenem Engagement und fachlicher Unterstützung.
Seine Selbstständigkeit behalten, aber nicht allein sein: das wünschen sich immer mehr Menschen, die noch gar nicht so alt sind, aber für die kommenden Jahre vorsorgen wollen. Wohnprojekte, die diesen Wünschen entsprechen, entstehen inzwischen in vielen Städten. Dabei muss man nicht warten, bis eine Wohnungsbaugesellschaft oder eine große diakonische Einrichtung tätig wird. Auch Einzelne oder kleine Gruppen können die Initiative ergreifen und ihre Vorstellungen von gemeinsamem Wohnen verwirklichen. Das zeigt ein Projekt in Hildesheim - dort feierten sechs künftige Mieter gerade Richtfest ihres künftigen neuen Hauses, zwei weitere Mieterinnen kamen inzwischen hinzu. Der Neubau liegt mitten in der Hildesheimer Altstadt, unterhalb der Michaeliskirche. Seine acht Wohnungen mit zwei oder drei Zimmern zwischen 70 und 105 Quadratmetern haben jeweils einen Balkon, sie sind barrierefrei, es gibt einen Lift, einen Gemeinschaftsraum mit Küche und Terrasse, ein Gästeappartement und einen Gemeinschaftsgarten mit großen alten Bäumen.
Entstanden ist die Idee dazu vor fünf Jahren. „Vier Damen wollten gern zusammenziehen“, erinnert sich Christa Sölter, die von Anfang an dabei war. Kennen gelernt hatten sie sich beim 2002 gegründeten Forum für neue Wohn- und Lebensformen in Hildesheim. „Nicht allein, und nicht ins Heim“, fasst Christa Sölter das Motto zusammen, nach dem sie und ihre Freundinnen leben wollen. Wichtig ist ihnen bei aller Selbstständigkeit, dass man aufeinander achtet, zum Beispiel nachschaut, wenn jemand sich einen Tag lang nicht sehen lässt, dass man kurze Wege „über den Flur“ zueinander hat und immer jemand da ist, der vielleicht Lust hat, mit ins Kino zu gehen oder Zeit für einen Klönschnack hat.
Über eine Zeitungsannonce suchten sie Gleichgesinnte, die zu ihnen passten. Schließlich bildete sich eine feste Gruppe von 20 Personen, die sich einmal monatlich trafen und ihre Vorstellungen vom gemeinsamen Wohnen diskutierten. Sie besuchten schon bestehende Projekte von Gemeinschaftswohnungen und lernten die Hildesheimer Architektin Petra Wilke-Fischer kennen, die ihnen engagiert zur Seite stand. Die Architektin leitet die Serviceagentur „Lebensraum Hildesheim“ und war die ideale Partnerin für die Gruppe. Als es "ernst" wurde, entschlossen sich ein Paar und vier Frauen definitiv für das Projekt. Nach den Wünschen der zukünftigen Bewohner entwarf Wilke-Fischer das neue Zuhause, die Landschaftsarchitektin Verena Leonhardt plante den Gemeinschaftsgarten mit Hochbeeten und extra breiten Wegen.
In der Gemeinnützigen Baugesellschaft zu Hildesheim (bgb) fanden sie einen Träger, der bereit war, dieses Pilotprojekt gemeinschaftlichen Wohnens zu realisieren. Inzwischen haben die künftigen Hausbewohner sich zu einer Gesellschaft bürgerlichen Rechts zusammengeschlossen, um die Zusammenarbeit mit dem Investor zu regeln. So haben die Bewohner zum Beispiel drei Monate Zeit, selbst einen Nachfolger zu suchen, falls eine der acht Mietwohnung im Haus frei werden sollte. Die Baugesellschaft übernimmt während dieser Zeit die Mietkosten.
Christa Sölter und ihre künftigen Mitbewohner hätten sich eigentlich ein generationenübergreifendes Projekt gewünscht. Aber die relativ hohen Mieten – 800 Euro für eine Zweizimmerwohnung, 950 Euro für drei Zimmer – können oder wollen sich manche Kleinfamilie oder auch Rentner nicht leisten. So liegt das Durchschnittsalter im Haus bei etwa 60 Jahren. Offen zu sein füreinander und sich gegenseitig zu helfen ist das Leitmotiv, an dem sich auch weitere Interessenten orientieren sollen. „Wir sind aber kein betreutes Wohnen“, betont Christa Sölter. Am 1. 2. 2011 soll das Haus bezugsfertig sein. „Ich freue mich drauf“, sagt Christa Sölter und lässt sich die Herbstsonne an der Glastür zu ihrem künftigen Balkon ins Gesicht scheinen, den Blick auf alte Bäume, einen kleinen Kinderspielplatz und viel Himmel.
Zu den Bildern: 1: der Rohbau Alter Markt" nach dem Richtfest
2. Christa Sölter in ihrem zukünftigen Wohnzimmer
Wer sich für dieses Projekt interessiert, kann Kontakt zu Bewohnern und Architektin aufnehmen: www.gbg-hildesheim.de und
„Lebensraum Serviceagentur Neues Wohnen in Hildesheim“, Petra Wilke-Fischer, Telefon 05121 – 93 61 28, E-Mail: wilke@vhs-hildesheim.de
(eingestellt am: 02.11.2010)
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1 Kommentar zum Beitrag
Ich bin voriges Jahr in eine Wohngemeinschaft gezogen, wir sind 25 Mietparteien, das Alter liegt zwischen 60 und 90. Es gibt kleine (50 qm) bis große (100qm) Wohnungen und ein Penthaus (120 qm). Wir tauschen jeden Freitagnachmittag im Gemeinschaftsraum bei Kaffee und Kuchen die Neuigkeiten aus. Im Dezember treffen wir uns zum Advent-Frühstück und schmücken anschließend gemeinsam den Baum in der Eingangshalle, wobei es viel zu lachen gibt. Auch Silvester treffen wir uns am Weihnachtsbaum um mit einem Glas Sekt auf das neue Jahr anzustoßen. Ich fühle mich hier sehr wohl, weil man sich nie alleine fühlt und jeder auf den anderen achtet.